# 10 (26. November 2000) Jeden
Sonntag Abend schaltet die Nation gespannt den Fernseher
ein, um zu erfahren, was denn nun das Thema der Woche
gewesen ist und wer zur Beurteilung die meiste Kompetenz
mitbringt. In der Kneipe Christiansen findet
dieser allwöchentliche Stammtisch statt, und man kann
sich sicher sein, daß man auf gute alte Bekannte trifft.
Sabine, die Wirtin, ist natürlich da und schenkt den
Stoff aus, an dem sich alle berauschen, meistens der
Hans-Olaf, immer mal wieder der Walter oder die Andrea,
die mögen die anderen aber nicht so gerne, deswegen
schreien sie immer so rum, der Guido oder der Heiner. Die
Sabine droht dann immer mal wieder, daß sie nichts mehr
ausschenkt, wenn alle sich so schlecht benehmen, das
glaubt zwar keiner, aber weil sie die Sabine doch
irgendwie mögen, benehmen sie sich mal für zehn
Minuten. Dummerweise gibt es aber eine Sperrstunde und
dann wird der Hahn zugedreht. Tröstlich, daß es
nächste Woche bestimmt weiter geht. Und der Hans-Olaf
ist auch wieder da, der Partylöwe. Wie
alle anderen Erfolgssendungen (siehe Wer wird
Millionär?) ist auch Christiansen ein zur
richtigen Zeit lancierter Aufguß eines alten Modells.
Erich Böhme war so freundlich, seine Sendung Talk im
Turm zu beenden, nicht ohne vorher auch mögliche
Nachfolgerinnen wie Sandra Maischberger zu demontieren,
so daß danach nichts mehr kam. Sabine Christiansen kam
ihrem weiblichkeitsbedingten Rausschmiß aus
Altersgründen in den Tagesthemen zuvor und
"erarbeitete" das Konzept einer Kopie von Talk
im Turm, das man gerade noch vermißte, so daß ein
epigonaler Relaunch auf Bedürfnisreste stoßen konnte.
Beim Sendeplatz erinnerte man sich daran, daß ZAK
mal am Sonntagabend erstaunlich viel Einschaltquote
hatte, wahrscheinlich waren die Zuschauer zu diesem
Zeitpunkt schon so enerviert vom sonntäglichen
Familiendasein, daß ein gepflegtes Eindreschen auf
Politiker kathartische Wirkung versprach. Fertig war die
Sendung. Jetzt mußte man nur noch hoffen, daß die
journalistische Autorität und spontane Fragetechnik, die
Frau Christiansen jahrelang mit dem Ablesen von
Telepromptermoderationen bewiesen hatte, die Runde schon
irgendwie zusammenhalten würde. Diese
Runde, die sich da jede Woche abmüht, die Lufthoheit
über die bildungsbürgerlichen Stammtische zu erobern,
ist allerdings ein unsicheres Gebilde. Weil das Fernsehen
ja selbst bei den Privatsendern noch in Bruchteilen einem
Bildungsauftrag zu genügen hat, muß die pluralistische
Gesellschaft, die wir laut Grundgesetz sind, auch an der
Zusammensetzung der Gesprächsrunden ablesbar sein. So
wie bei Bärbel Schäfer zum Thema "Ich bin
fett" neben der 190 kg-Frustesserin ein Bodybuilder
und eine Magersüchtige sitzen müssen, um bloß nicht
auf einen Nenner zu kommen, so müssen bei Christiansen
eben ein SPD-Minister oder eine Grünen-Ministerin sowie
ein CDU-Fraktionsoberer oder ein Ministerpräsident
sitzen; die FDP und die CSU dürfen im Wechsel ran, die
PDS gelegentlich; desweiteren braucht man einen Experten
für das Thema, aber hier fangen die Probleme schon
an. Er
(sie ist eigentlich nie zugegen, dafür hat man ja schon
Frau Christiansen und eine gelegentliche Ministerin, das
muß reichen) muß im Fernsehen auch
"rüberkommen". Diejenigen, die sich
tagtäglich zu Experten ausbilden, die
Universitätsteilnehmer in jeglicher Position, sind
meistens durch ihre Existenz in winzigen,
neonbeleuchteten Büroräumen und ihr Eingebundensein in
die betriebliche Paranoia sozial so ungeübt, daß sie im
Fernsehen eine komische Figur abgeben. So etwas kommt nur
als absolute Notlösung in Frage. Gottseidank gibt es
aber im vereinsmeiernden Deutschland Interessensverbände
für alles und jeden. Und die Vorsitzenden (auch hier
gibt es keine Frauen) zeichnen sich für die televisuelle
Verwertung dadurch aus, daß sie gewählt wurden, sich
also bei einer Menschengruppe beliebt machen mußten, und
daß sie ständig starke Reden halten und eine gute Figur
abgeben müssen, um dann erneut gewählt zu werden.
Fernsehen und Verbandsvorsitzende treffen sich in ihren
jeweils eigenen Interessen und gehen eine glückliche
Kooperation ein. Der Verbandsvorsitzende will eine noch
bessere Figur machen, und wo könnte man das besser als
im Fernsehen, und das Fernsehen braucht jemand, der eine
gute Figur machen will und durch die Bekleidung eines
Amtes die Autorität für ein Thema simulieren kann. Daß
nun Hans-Olaf Henkel zum Dauergast bei Christiansen
und dadurch zu einem Star mit eigener Autobiographie
werden konnte, läßt sich dadurch erklären, daß die
deutsche Industrie für Wirtschaft steht. Und jedes Thema
hängt zum Schluß an wirtschaftlichen Fragen. Aber
dann wird es nur noch lächerlich. Dann sitzt zum Thema
Gesundheitsreform der Schauspieler Rainer Hunold, der
sich dadurch qualifiziert hat, daß er gerade die
Arztrolle in Praxis Bülowbogen übernommen hat.
Allerdings findet es niemand lächerlich. Sondern es
leuchtet allen ein. Er erzählt, daß er Ärzte als
Freunde hat, und wie die Sendung auch einen ärztlichen
Ratgeber hat, der in medizinischen Fragen konsultiert
wird und auf die sachgemäße Behandlung der Themen
achtet. Das klingt alles nach einer fadenscheinigen
Rechtfertigung und ist weit davon entfernt, uns zu
überzeugen. Das nächste Argument dann schon eher.
Rainer Hundold sagt nämlich, daß er ja auch zum Arzt
gehen muß. Plötzlich ist es einleuchtend. Rainer Hunold
ist einer von uns. Er hat keine Ahnung vom Thema, besitzt
kein Detailwissen, ist aber Betroffener. Einer, der viel
selbstbewußter im Fernsehen auftritt, als wir es
könnten, weil er dort zuhause ist. Der aber genau
dasselbe empfindet wie wir. Er ist der Volksvertreter,
unser Abgeordneter im Fernsehparlament, der denen da oben
mal sagt, was Sache ist. Rainer Hunold konnte sein Amt allerdings nicht ausfüllen. Er kam nie wieder zum Stammtisch. Jetzt scheint er aber einen Nachfolger gefunden zu haben, der sich wie Hans-Olaf zu einem Urgestein der Sendung entwickeln könnte. Hellmuth Karasek war geladen, um zum Thema BSE Gewichtiges beizutragen. Das Schöne an Karasek ist, daß hier überhaupt keine störenden Legitimationsfragen aufkommen. Es ist von vornherein klar, daß er mit dem Thema nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. Weder hat er ein Monographie über das Beefsteak bei Stefan George geschrieben, noch als Herausgeber die neue Beilage Rind und Welt für den Tagesspiegel eingeführt. Nein, Hellmuth Karasek ist einfach eine Fernsehfratze und sonst gar nichts. Er kann zu jedem Buch und somit zu jedem Thema seinen Senf abgeben, das hat er im Literarischen Quartett bewiesen, aber keinerlei Fachwissen außer literarischem würde seinen Beiträgen bei Christiansen in die Quere kommen. So geschah es dann und es war gut. Mit derselben Verve, mit der er sich sonst an Onanie in Romanen delektiert, bricht er eine Lanze für den kleinen Bauern und ruft uns aus Pausbacken zur Mäßigung auf. Wir fühlen uns gut verkörpert von Hellmuth. So trifft man bei Christiansen auf ein altes phänomenologisches Paradox. Als Realität empfinden wir nur das, was uns als solche angepriesen wird. Realität ist ein sorgfältig gestaltetes und auf Schlüsselreize reduziertes Produkt, das wir nur in bestimmten Formen zu schlucken bereit sind. Nichts wirkt so schlecht gestellt, wie unser abgefilmtes reales Wohnzimmer. Es bedarf schon einiger Vereinfachungen und Vergröberungen, damit wir es im Film auch als unser eigenes Wohnzimmer wiedererkennen. Genauso katastrophal wirken die "kleinen Leute" im Fernsehen. Dort stehen immer stotternde Idioten und Prolls, egal ob sie nun Geschäftsführer einer mittelständischen Firma mit 80 Angestellten sind oder bei Opel am Band stehen. Nur Profis kann es im Fernsehen gelingen, einen besorgten Bürger so zu spielen, daß die besorgten Bürger vorm Fernseher sich wiedererkennen.
© Mathias Mertens, 2000
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